Festpredigt 100 Jahre Evangelische Blinden- und Sehbehindertenseelsorge in Deutschland

Michael Schibilsky

16. Mai 2004, Wernigerode

Blinde sehen das Unsichtbare

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der kommen wird: Unser Herr Jesus Christus. Amen.

Der Predigttext ist die Epistel des heutigen Sonntags Rogate 1. Timotheus 2,1-6a:

So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit. Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland, welcher wissen will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung.

Liebe Festgemeinde!

Betet! Das ist ein guter Name für den heutigen Sonntag, der beste Glückwunsch, mit dem die Evangelische Kirche in Deutschland Ihnen für 100 Jahre Dienst des Evangelischen Blinden- und Sehbehindertendienst in Deutschland gratulieren kann: Betet! Gott sei dank, dass dieser Dienst an Menschen möglich gewesen ist und heute gefeiert und gedankt werden darf. An diesem Festtag reden wir mit Gott. Wir tun das, weil Gott zuerst zu uns geredet hat.

Was vor 100 Jahren mit der Initiative von fünf blinden Christen begonnen hat, als ”Gesellschaft zur Verbreitung christlichen Lebens unter den Blinden deutscher Zunge”, geschah in der weitsichtigen Zuversicht: Teilhabe am Leben ist möglich – aber nicht selbstverständlich. Als eine der ersten Blindenselbsthilfeorganisationen haben sie im Bereich der evangelischen Kirche im deutschsprachigen Raum Gemeinde übergreifendes diakonisches und seelsorgliches Wirken geleistet. In dieser Tradition versteht sich der ”Evangelische Blinden- und Sehbehindertendienst in Deutschland” (EBS). Selbstbestimmtes Leben, Teilhabe am Leben. Das sollte gerade auch in der Kirche, in der Gemeinschaft der Glaubenden gelten. Dass blinde Menschen selber mit ihren Möglichkeiten die Bibel lesen können, Choräle mitsingen können, unsere kirchliche Presse übersetzt bekommen. Was hat sich da alles in den vergangenen 100 Jahren bewegt – und was muss sich noch weiterhin bewegen, damit Teilhabe wirklich möglich bleibt und noch verstärkt wird. Denn nur so können wir gemeinsam miteinander leben und voneinander lernen.

Es ist ja bemerkenswert: Auch Menschen, die sehen können, schließen die Augen, wenn sie beten. Das muss doch einen Grund haben. Wir nehmen Gottes Nähe offenbar genauer wahr, wenn wir uns nicht durch den Blick nach außen ablenken lassen.

Die Augen leiten uns zur Fernsicht, geschlossene Augen führen uns manchmal zu einer tieferen Einsicht. Wer die Augen schließt, sieht nach innen. Wer die Augen schließt, sieht eine andere Welt. Wer betet, vertraut auf Gottes Zuhören, auf Gottes Gegenwart, auf Gottes Nähe. Wer betet, gibt sich aus der Hand.

Wann haben wir das Beten gelernt? Vielleicht sogar schon in frühester Kindheit. Mit Kindern beten lernen heißt ja, der eigenen Herkunft nahe kommen.

Das Gebet ist die Kraft derer, die von der Hoffnung leben, vom Glauben leben, von der Liebe leben. Betende Menschen wissen, dass Gottes Kraft in den Schwachen mächtig ist.

So bringe ich Ihnen die Glückwünsche der Evangelischen Kirche in Deutschland, die Glückwünsche des Rates und der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Beten ist geistliches Leben im alltäglichen Leben.

Wie aber lernen wir beten? Am besten lernen wir es an der Quelle – bei Jesus selber. Wie hat Jesus gebetet? Darüber erfahren wir im Matthäus-Evangelium (im 6. Kap.): Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten. Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten:

Unser Vater im Himmel!
Dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wie vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein
ist das Reich
und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.
Wir leben in einer gebetsarmen Zeit. Es gibt kaum ein stilles Kämmerlein mehr – auch fehlt das häusliche Beten. “Wenn wir endlich beten lernen könnten, dann könnten wir die Schöpfung heilen.” So hat ein Ausleger unserer Tage formuliert.

Wie lernen wir das Beten? Das Beten lernt man – durch das “Gebet der Gebete”, das Vaterunser. Es liegt offen zutage. Wir brauchen keine religiösen Kraftakte unternehmen, keine spirituelle Höchstleistung. Es ist bereits alles geschehen.

Darum frage ich gern Menschen: Was bedeutet Ihnen dieses Gebet der Gebete, das Vaterunser?

Ich denke an eine ältere Frau aus meiner früheren Gemeinde in Bottrop, die aus Ostpreußen stammte, nun aber seit Jahrzehnten im Ruhrgebiet lebte und sich in dieser Gemeinde lebhaft beteiligte, mitmachte, auf ihre Art und Weise. Was ihr das Vaterunser bedeutet, hatte ich sie gefragt. Sie antwortete in ihrem schweren ostpreußischen Akzent mit einem einzigen Wort: “Alles”.

Nun kann es aber gerade ernsthafte Frömmigkeit sein, die manchen Menschen das Beten schwer werden lässt. Elias Canetti hat das so ausgedrückt: “Ich begreife nicht, wie sich Menschen vornehmen können, bei jedem ihrer zahllosen Gebete die nötige Innigkeit aufzubringen. Die Kraft aller Menschen zusammengerechnet wäre nicht groß genug für das Gebetsgeplapper eines einzigen, der diesem Laster verfallen ist. ... Wenn ich glauben könnte, so könnte ich noch lange nicht beten. Das Beten würde mir immer als die unverschämteste Belästigung Gottes erscheinen”.(1)

Neben dieser aus Glauben begründeten Verzweiflung gegenüber dem Gebet gibt es die andere Sorge, die der Sprachlosigkeit unserer Zeit nachgeht. In einer literarischen Situationsbeschreibung unserer Zeit lesen wir bei H. Broch: “Die schöne Zuversicht, dass Menschen einander durch Wort und Sprache überzeugen können, ist radikal verloren gegangen. Schwer lastet die Stummheit auf der Welt, die der Sprache und des Geistes verlustig geworden ist. Doch trotz dieser Stummheit ist die Welt voller Stimmen. Sie sind nicht Rede und Gegenrede, es sind Stimmen, wirr wie das Gewirr in einem schlecht funktionierenden Lautsprecher, einander überschreiend, übertönend, sie alle gleichzeitig losgelassen, ein Tohuwabohu von Sprache ... und bloß mechanisch unfeierlich tönt dazwischen die Übertragung eines Gottesdienstes, übertäubt, banalisiert, vernichtet vom irdischen Lärm.” (2)

Wie anders dagegen die Sprache des Vaterunsers. Diese dreiteilige Dreiteiligkeit des Vaterunsers, trinitarische Strukturen – und all das in den einfachsten und schlichtesten Worten, die nur in der Tiefe der Stille und des Gebets selber erwachsen können.

Die Anrede – die am Beginn einer jeden persönlichen Beziehung steht: Mein Vater – liebe Mutter – guter Gott.
Die Anrede setzt eine Beziehung voraus und stellt sie zugleich her: Wir stellen uns in eine Beziehung hinein. Aber sie geht uns zugleich voraus. Grundsätzlicher formuliert: Das Schöpfungshandeln Gottes ist die Voraussetzung dafür, daß wir ”Vater unser” sagen können. Aber man kann nur beten, wenn wir uns aus der Gottvergessenheit unserer Tage - uns sei es für Augenblicke nur - herauslösen.

Diese Anrede eröffnet ein neues Verhältnis zwischen Gott und uns als seinen Kindern, er ermächtigt uns, so vertrauensvoll mit Gott zu reden, wie Jesus selber es getan hat.

Das Vaterunser spannt sich wie ein großer Bogen vom Himmel bis zur Erde, von Gott bis zu den Menschen, vom Schöpfungsbeginn bis zur Ewigkeit. Über Raum und Zeit und Person.

Nie wird diese Anrede selbstverständlich: Unser Vater im Himmel. Dieser Zusatz wahrt die Distanz zwischen Gott und dem Menschen, indem er der deutlichen Unterscheidung zwischen dem himmlischen Vater und den irdischen Pseudomächten dient. Mit dieser Unterscheidung lässt Gott selber sich anreden, lässt sich ein auf diese Erde. Mit dieser Unterscheidung greift das Reich-Gottes-Geschehen in die Welt der Menschen ein und setzt sie in Bewegung (wie es der Religionsphilosoph J.M. Lochmann formuliert hat).

Die Bitte um die Heiligung des Gottesnamens ist Anfang und Ende dieses Gebets. ”Heiligung des Namens ist nicht etwas Zusätzliches zum Namen Gottes hinzu, sondern besagt, dass Gottes Name sich ereignet und dadurch Gott geschieht, Gott aus seiner Anonymität heraustritt und dadurch auch wir herausgerissen werden aus unserer Anonymität.” (Ebeling, Vom Gebet, S. 32). Darum ist Anrede Gottes zugleich Befreiung des Menschen.
Das Vaterunser ist ein Gebet und lehrt zugleich das Beten. Denn zum Gebet gehört der Wechsel der Perspektive:
Gott lässt sich auf unsere Perspektive ein - das ist die Grundvoraussetzung dafür, dass wir uns auf Gott einlassen können. Wir lassen uns auf Gott ein – das ist zugleich seine Grundvoraussetzung, dass er sich auf uns einlassen kann.

So habe ich auch Ihnen in diesen Tagen zugehört, wie Sie erzählt haben aus Ihrer Perspektive der Blinden und Sehbehinderten. Gestern nachmittag hat uns die späterblindete Diakonisse Schwester Margarete erzählt, wie sehr es sie schmerzt, wenn wir sie nicht ansehen, wenn wir mit ihr reden. “Ich spüre das doch. Seht uns an, wenn ihr mit uns redet.” Und es fiel mir wie Schuppen von den Augen, dass auch ich oft zur Seite geschaut habe, wenn ich mit blinden Menschen redete – aus Scham, weil ich es nicht besser wusste. So beginnt der Perspektivenwechsel: Durch Anschauung. So ist mir in der Nacht ein Gedanke gekommen, den ich so vorher nie gedacht hatte: Sie, die Blinden und Sehbehinderten, haben eine für Sehende geradezu unheimliche Begabung: Blinde sehen das Unsichtbare. Darin sind Sie mir in diesen Tagen Lehrerinnen und Lehrer des Glaubens geworden.
Wo das Vaterunser in der Nachfolge Jesu gebetet wird, da bricht der Bann der Banalität, da beginnt eine Entzauberung der Welt und eine Befreiung des Menschen in unvorstellbarem Ausmaß. Da fallen die Schlösser und Riegel, in denen die Menschen den Mächten und Gewalten versklavt sind. “Es muss der Tag der Freiheit sein, der damit anbricht.”

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

Fußnoten:

1  Vgl.: Elias Canetti, Die Provinz des Menschen, 1973, S. 12.

2  H. Broch, Schriften zur Literatur 2/175, S. 177



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